Bruno H. Bürgel - Briefe u. Sonstiges

Dick, Wolfgang R.; Zenkert, Arnold [1923–2013]:
Der Popularisator und der Forscher:
Die Freundschaft von Bruno H. Bürgel und Paul Guthnick.
In: Mathias Iven (ed.), „Seid nicht ‚gerecht‘, sondern gütig!“.
Beiträge von und über Bruno H. Bürgel.
ISBN 3-928878-45-X.
Berlin, Milow: Schibri-Verlag, 1996, p. 58–79.
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paper.


Der Popularisator und der Forscher: Die Freundschaft von
Bruno H. Bürgel und Paul Guthnick
Wolfgang R. Dick und Arnold Zenkert


1919 veröffentlichte Bruno H. Bürgel, damals 44 Jahre alt, seine Lebenserinnerungen Vom
Arbeiter zum Astronomen. Über die Resonanz schrieb er acht Jahre später im Vorwort zu
einer überarbeiteten Ausgabe: "Als ich wenige Monate nach dem Ende des unglücklichen
Krieges, in wildbewegten Revolutionstagen dieses kleine Büchlein schrieb, ahnte ich nicht,
daß es einen so starken Widerhall finden würde. Nicht nur hat es zahlreiche Auflagen
erlebt, es hat auch weit über alles Erwarten in allen Kreisen interessiert. Jahrelang erhielt
sein Autor Stöße von Briefen (man kann bei vorsichtiger Schätzung mit sechstausend
Zuschriften rechnen!), die sich mit ihm auseinandersetzten. Sie kamen vom Minister wie
vom Arbeiter, vom General wie vom einfachen Matrosen, von Bauern und Pfarrern, von
Wäscherinnen und Gelehrten."1 Einer dieser Gelehrten war der Astronom Paul Guthnick
von der Sternwarte Babelsberg. Aus der ersten Bekanntschaft, vermittelt durch Bürgels
Autobiographie, entwickelte sich eine Freundschaft, über die bisher in der Öffentlichkeit
praktisch nichts bekannt war. Im folgenden soll anhand der wenigen überlieferten
Dokumente und Erinnerungen ein Einblick in die Beziehung der beiden Astronomen
gegeben werden, von denen der eine Autodidakt und in astronomischer Hinsicht Amateur,
der andere ein studierter Wissenschaftler und Sternwartendirektor war.

 

Paul Guthnick sei zunächst durch eine bisher unveröffentlichte kurze Autobiographie
von 1945 vorgestellt:
"Lebenslauf
============
des o. Professors der Astronomie an der Universität Berlin.
Paul Guthnick.
Ich bin geboren am 12. Januar 1879 in Hitdorf a. Rh. als Sohn der Eheleute Hermann
Guthnick und Katharina, geb. Panzer. Ich besuchte zunächst wegen eines Gehörleidens eine
Privatschule in Bonn und dann nach Behebung des Leidens die Elementarschule in Köln.
Ostern 1888 wurde ich in das humanistische Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Köln
aufgenommen, das ich Ostern 1897 mit dem Reifezeugnis verliess. April 1897 bezog ich
die Universität Bonn, um Mathematik und Naturwissenschaften, insbesondere auch unter
Küstner und Deichmüller Astronomie zu studieren. Im Dezember 1900 bestand ich das
Examen rigorosum zur Erlangung der Doktorwürde magna cum laude und wurde am 15.
Mai 1901 zum Doktor promoviert. Der Titel meiner Dissertation lautet: Neue
Untersuchungen über den veränderlichen Stern ο (Mira) Ceti; die Dissertation wurde 1901
1 B. H. Bürgel: Vom Arbeiter zum Astronomen. Der Aufstieg eines Lebenskämpfers. - Berlin, 1927. - S. 7.
Übrigens war der Untertitel, der ursprünglich "Lebensgeschichte eines Arbeiters" hieß, bereits in dieser
Auflage geändert worden und nicht erst 1935 (vgl. A. Zenkert: Bruno Hans Bürgel. - Velten, 1996. - S. 73).
2 Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (im folgenden Archiv BBAW), Nachlaß
P. Guthnick, Nr. 16
in den Nova Acta der Kaiserlich Leopoldinischen Akademie der Naturforscher in Halle
gedruckt. Im Juli 1901 bestand ich in Bonn das Staatsexamen für Lehramtskandidaten in
reiner und angewandter Mathematik und Physik für die erste, in Chemie und Mineralogie
für die zweite Stufe mit dem Prädikat gut. Im September 1901 wurde ich zur Ableistung des
Seminarjahres dem Gymnasium an der Apostelnkirche in Köln überwiesen, verliess
dasselbe jedoch bereits im November 1901, um als Assistent des Akademikers Geheimrat
A. von Auwers nach Berlin zu gehen und mich ganz der Astronomie zu widmen. Im April
1903 ging ich auf Empfehlung von Auwers als Astronom an die Sternwarte des Herrn von
Bülow in Bothkamp bei Kiel, gemäss einer Vereinbarung zwischen dem Kultusministerium
und dem Besitzer der Sternwarte. Von Herbst 1903 bis Herbst 1904 genügte ich meiner
Militärpflicht in Bonn und ging als Unteroffizier mit dem Befähigungszeugnis zum
Reserveoffizier ab, wurde aber kurze Zeit darauf dauernd dienstuntauglich. April 1906
wurde ich als Observator an die Kgl. Sternwarte in Berlin berufen und bin seitdem ohne
Unterbrechung an diesem Institut gewesen. Weitere Stufen meines Lebenslaufes: 1914 Titel
Professor, 1916 a.o. Professor der Astronomie an der Universität Berlin, 1921 o. Professor
und Direktor der Sternwarte, 1922 Mitglied der Preussischen Akademie der
Wissenschaften, 1924 korresp. Mitglied der Päpstlichen Accademia dei Nuovi Lincei, 1927
Associate der Royal Astronomical Society in London, 1933 korresp. Mitglied der
Baierischen Akademie der Wissenschaften, Mitglied der Kaiserlich Leopoldinischen
Akademie der Naturforscher, ord. Mitglied der neu organisierten Päpstlichen Akademie,
1938 Mitglied der Kgl. Societät der Wissenschaften in Upsala, 1942 Ehrendoktor der
Universiät Padua. Im Herbst 1923 verheiratete ich mich mit Melitta Lang aus Planegg bei
München. Aus der Ehe sind zwei Söhne hervorgegangen (1925 und 1927).
Mein Hauptarbeitsgebiet ist Photometrie und Spektroskopie der Gestirne, insbesondere
der Veränderlichen Sterne. In den Jahren 1912-13 führte ich erstmalig die kurz vorher von
Elster und Geitel entwickelte Photozelle in die Astrophotometrie ein und erzielte mit
diesem neuen Forschungsmittel Erfolge, die für die Theorie der physischen Veränderlichen
von wesentlicher Bedeutung geworden sind.
Potsdam-Babelsberg, den 24. September 1945.
Universitätssternwarte Berlin-Babelsberg
Paul Guthnick"

 

Bisher konnten 6 Schreiben Guthnicks an Bürgel und 3 Briefe Bürgels an Guthnick
nachgewiesen werden, wobei von letzteren nur einer erhalten ist. Bürgels Nachlaß, darunter
die Briefe Paul Guthnicks, wird in der Bürgel-Gedenkstätte im Astronomischen Zentrum
Potsdam verwahrt. Der Brief Bürgels befindet sich im Besitz von Ernst Guthnick (geb.
1925), Paul Guthnicks Sohn, wohnhaft in Berlin1. Die überlieferten Schreiben werden hier
im Anhang publiziert. Ob es noch weitere Briefe gab, läßt sich aus dem Inhalt nicht
erschließen. Jeder der Briefe steht für sich allein und stellt nur eine Momentaufnahme aus
der Beziehung dar, die im wesentlichen bei Treffen auf der Sternwarte oder an anderer
Stelle, gelegentlich auch per Telefon gepflegt wurde. Beide wohnten in der Villenkolonie
1 Im Archiv der BBAW wurden folgende Akten durchgesehen, in denen sich weitere Briefe Bürgels hätten
befinden können: Sternwarte Babelsberg, Nr. 247, 270, 271, 275; Nachlaß P. Guthnick, Nr. 12. Die Akten der
Sternwarte enthalten zahlreiche Briefe von Privatpersonen, aber keine von Bürgel. Vermutlich hat Guthnick
die Briefe Bürgels als private Korrespondenz behandelt und nicht zu den Akten gegeben. Dies wird gestützt
durch die Tatsache, daß sich ein Brief in Familienbesitz befindet.
Neubabelsberg, die in den dreißiger Jahren mit Nowawes vereinigt und schließlich zu
Potsdam eingemeindet wurde - Guthnick im Direktorenwohnhaus auf dem Gelände der
Sternwarte, Bürgel zunächst in der Stahnsdorfer, später der Merkurstraße 10, einen Fußweg
von 20 bis 30 Minuten von der Sternwarte entfernt. Diese war erst wenige Jahre vor der
ersten Begegnung Bürgels und Guthnicks als Nachfolgeeinrichtung der 1700 gegründeten
Berliner Sternwarte entstanden. Nach ihrer Eröffnung 1913 und der endgültigen
Ausstattung in den zwanziger Jahren handelte es sich um die größte und modernste
Sternwarte Deutschlands.
Die Dokumente berichten vor allem über Paul Guthnick, dessen Biographie bisher nur
wenig erschlossen ist1. Indirekt geben sie aber auch Auskunft über Bürgel, zumindest über
das Echo, das seine Werke hervorriefen, und die Wertschätzung, die ihnen und ihrem Autor
entgegengebracht wurde.
Im November 1919 sandte Bürgel dem vier Jahre jüngeren Paul Guthnick, der sich kurz
zuvor als Begründer der lichtelektrischen Stellarphotometrie einen Namen gemacht hatte,
seine eingangs erwähnten Lebenserinnerungen. Die Reaktion Guthnicks (Brief 2) zeugt
davon, wie tief ihn das Buch bewegte. In dem ausführlichen Schreiben legte er seine
eigenen weltanschaulichen und politischen Auffassungen dar, die in einigen wesentlichen
Punkten von denen Bürgels abwichen. Wir finden darin Elemente von Sozialdarwinismus
und Rassenlehre sowie die Dolchstoßlegende - Anschauungen, die damals weit verbreitet
waren. Politisch standen die beiden Astronomen in verschiedenen Lagern. Bürgel war
überzeugter Sozialdemokrat und Mitglied der SPD, während Guthnick der konservativen
Deutschnationalen Volkspartei beitrat, die 1931 in der Harzburger Front ein Bündnis mit
der NSDAP gegen die Reichs-Regierung und die preußische Regierung einging, nach
Hitlers Machtübernahme allerdings wie alle anderen Parteien aufgelöst wurde. Daß sich
dennoch eine Freundschaft zwischen den ungleichen Männern entwickelte, war wohl ihrem
Respekt voreinander, der gemeinsamen Liebe zur Astronomie und, bei allen Unterschieden
in den politischen Anschauungen, ihrer humanistischen Haltung zu verdanken. Guthnick
erwähnt in seinem ersten Brief zudem, daß auch er sich seinen Aufstieg erkämpfen mußte,
was die Vertrautheit zwischen beiden offenbar erleichterte.
Anrede, Grußformel sowie Inhalt und Ton der Briefe, die immer herzlicher wurden,
zeugen von der Entwicklung der Freundschaft zwischen den beiden Männern. Frau
Charlotte Rüfer, damals Endemann (geb. 1911), die von Mitte der 30er Jahre bis 1948 im
Haus Bürgels wohnte ("Tochter des Hauses") und bei der Erledigung von Schreibarbeiten
half, erinnerte sich2, daß Bürgel und Guthnick ein gutes Verhältnis zueinander hatten. Die
Leistungen Bürgels wurden von Guthnick voll anerkannt. Bürgel war des öfteren auf der
Sternwarte, und Guthnick kam wiederholt zu Bürgel in dessen Haus, wo sie sich
vorwiegend über fachliche Fragen unterhielten. Manchmal sei Guthnick in SA-Uniform
1 Neben Würdigungen zum 60. Geburtstag und Nekrologen erschienen bisher nur kurze Aufsätze: J. Dick:
Guthnick, Paul. - In: Neue Deutsche Biographie. 7. Bd. - Berlin 1966, S. 344-345. - K. Walter: Paul Guthnick:
pioneer of astronomical photoelectric photometry. - In: I.A.P.P.P., International Amateur-Professional
Photoelectric Photometry, Communication No. 22, 1985. - S. 30-31. - W. R. Dick: Die Beziehungen Paul
Guthnicks zu sowjetischen Kollegen (1922 - 1941) - ein Überblick über die Dokumente. - In: Archivalia
cosmographica. W. Struve nimeline Tartu Astrofüüsika Observatoorium Teated Nr. 88. - Tartu, 1987. - S. 28-
35.
2 Gespräch mit A. Zenkert in Singen anläßlich der Übergabe von Archivmaterial für die Bürgel-Gedenkstätte
im Januar 1988.
gekommen, was Bürgel nicht recht behagte. Es kam während des Krieges auch zu
politischen Gesprächen, bei denen Meinungsverschiedenheiten nicht ausblieben, die aber
stets in angemessenem Ton ausgetragen wurden. Frau Rüfer berichtete von einer erregten
Auseinandersetzung, als Bürgel einmal von den Vernichtungslagern (Todeslagern) sprach,
worauf Guthnick heftig entgegnete: "Das gibt es doch nicht, so etwas ließe Hitler niemals
zu!". Guthnick hatte sich nie als überzeugter Nazi gezeigt, doch in diesem Fall wich er nicht
von seiner Meinung ab. Der Gedanke an eine systematische Vernichtung von Menschen
war ihm wie vielen einfach unvorstellbar. Wahrscheinlich war Bürgel in dieser Zeit besser
unterricht als der Sternwartendirektor. Bürgels Sohn Walter berichtete1, daß sein Vater von
einem Mitarbeiter im Auswärtigen Amt über interne und geheime Dinge informiert wurde,
so z.B. über das Ergebnis der Konferenz in Teheran. Auch zu einem hohen Offizier im
Reichsluftfahrtministerium, von dem er Nachrichten erhielt, hatte er gute Beziehungen.
Paul Guthnick empfing Bürgel offenbar immer in der Sternwarte oder in seinem privaten
Arbeitszimmer, das unmittelbar neben dem Eingang zu dem großen Direktorenwohnhaus
gelegen war. Sein Sohn Ernst lernte Bürgel deshalb nicht kennen2.
Im letzten Brief, im Juni 1946, bittet Guthnick um ein politisches "Leumundszeugnis"
für seinen Antrag auf Entnazifizierung. Ob Bürgel dieser Bitte nachkam, ist bisher nicht
bekannt. In Guthnicks Nachlaß befinden sich mehrere Dokumente, die offensichtlich zu
diesem Antrag gehören - als Anlage 1 ein kurzer Lebenslauf, als Anlagen 2 bis 4 sowie 12
Auskünfte über Guthnicks politische Haltung während der Nazizeit von ehemaligen
Mitarbeitern und dem Vater eines Mitarbeiters. Der Antrag selbst und die Anlagen 5 bis 11
fehlen im Nachlaß; darunter könnte auch ein Zeugnis von Bürgel gewesen sein. Allerdings
scheint es nach dem Krieg einen Bruch in der Beziehung von Guthnick und Bürgel gegeben
zu haben, wie Ernst Guthnick und seine Frau Annemarie berichten3. Als Annemarie
Guthnick, die viel von Bürgel gelesen hatte, später gegenüber ihrer Schwiegermutter die
Sprache auf ihn brachte, war diese ungehalten und erklärte, daß Bürgel ihren Mann nach
dem Krieg nicht mehr hatte kennen wollen, obwohl beide vorher befreundet gewesen
waren. Möglicherweise geht dies auf eine Absage Bürgels hinsichtlich des erbetenen
"Leumundszeugnisses" zurück.
Da in den Nachrufen und in der biographischen Literatur über Paul Guthnick auf dessen
Mitgliedschaft in der NSDAP und deren Gründe nicht eingegangen wird, sei hier aus den
Dokumenten zitiert, die sich auf den erwähnten Entnazifizierungsantrag beziehen. Selbst
wenn die Bürgen seine politische Haltung möglicherweise etwas beschönigten und seine
Opposition gegen den Nationalsozialismus übertrieben, so wird doch glaubhaft, daß Paul
Guthnick offenbar kein überzeugter Nazi war. Anderenfalls hätte wohl auch die Beziehung
zu Bürgel nicht so herzlich werden können.
In dem Lebenslauf, der dem Entnazifizierungsantrag beilag, führte Paul Guthnick aus4:
"Ich selbst trat 1933 in den Stahlhelm ein und wurde mit diesem 1934 in die SA5 und mit
1 Gegenüber A. Zenkert.
2 Persönliche Mitteilung gegenüber W. R. Dick, 6. 4. 1996.
3 wie Anm. 7.
4 P. Guthnick, "Anlage 1, Kurzer Lebenslauf", Juni 1946, Archiv BBAW, Nachlaß P. Guthnick, Nr. 16; die in
diesem Aufsatz benutzten Teile des Nachlasses von Paul Guthnick wurden 1988 durch seinen Sohn Ernst dem
Archiv übergeben.
5 Im Original steht hier wie auch im folgenden Satz "SAR", wobei im zweiten Fall das R nachträglich
gestrichen wurde. Die Abkürzung SAR ließ sich in der Literatur nicht finden, sicherlich ist SA gemeint.
letzterer in die NSDAP überführt6. 1939 liess ich mich vom Dienst in der SA vollständig
befreien und bin seitdem nicht mehr mit ihr in Berührung gekommen. Ich war zuletzt
Scharführer. Anlässlich meines wohl aus den Zeitungen ersehenen 65. Geburtstages
ernannte man mich zum Oberscharführer!2"
Der "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten", war 1918 als Vereinigung von Soldaten des
Ersten Weltkriegs gegründet worden. Ab 1924 gehörten ihm auch Nichtkriegsteilnehmer
an. Nominell überparteilich, war der Stahlhelm deutschnational ausgerichtet und neigte der
antidemokratischen Rechten zu, was sich auch in der Beteiligung an der Harzburger Front
ausdrückte. Ab 1933 wurde er von den Nationalsozialisten vereinnahmt und 1935 aufgelöst.
Ernst Rosch, der seit 1908 an der Sternwarte zunächst als wissenschaftlicher Rechner
und später als Verwaltungsleiter tätig war, schrieb zu Guthnicks politischer Haltung3:
"Die langjährige gemeinsame dienstliche Arbeit führte naturgemäss auch zu
menschlichem Nähertreten, nachdem ich selbst im Jahre 1922 auf der Sternwarte eine
Dienstwohnung bezog. Es wurden daher nach Beendigung der Dienstgeschäfte sehr häufig
auch allgemeine und politische Probleme besprochen. Ich kann daher aus eigener Erfahrung
aussagen, dass Prof. G. alles andere denn ein Hitleranhänger war. In unseren
Unterhaltungen, die sich bei der sich immer mehr verschärfenden innenpolitischen Lage
mehr und mehr fast ausschliesslich um politische Dinge handelten, nahm er, wie man sagt,
kein Blatt vor den Mund. Er verurteilte die ganze Richtung auf das entschiedenste,
besonders war ihm wie allen ruhigeren Menschen das Gebahren der SA verhasst. Im
übrigen war er Mitglied der deutschnationalen Volkspartei und auch als solches durchaus
gegen den sich immer mehr ausbreitenden Nazismus. Nach der Machtübernahme durch
Hitler zeigte es sich übrigens, dass die Nazisten über seine Einstellung zu ihnen genau
unterrichtet waren, da er wahrscheinlich auch anderen Personen gegenüber keinen Hehl aus
seiner politischen Einstellung gemacht hatte. Es setzte eine von den Parteigenossen Brill
und Güssow4 eingeleitete Hetze gegen ihn und mich ein, die das Ziel verfolgte, ihn und
mich schimpflich von der Sternwarte zu entfernen. Prof. G. ist trotz der Gefährdung seiner
eigenen Stellung mannhaft bei den vorgesetzten Dienststellen für mich eingetreten und
sicher war es mit sein Verdienst, dass die Hetze gegen mich statt zur Entlassung nur zur
Versetzung an die Kuratorialsverwaltung führte. Ebenso mannhaft und noch unter vielleicht
stärkerer Einsetzung seiner Person handelte er im Falle des jüdischen Observators Prof.
Richard Prager5. Er hat es trotz ununterbrochener Anfeindungen seitens der Partei
1 Diese Darstellung wird durch Erzählungen von Julius Dick (1891 - 1971), Astronom an der Sternwarte
Babelsberg, gegenüber Hans-Joachim Felber gestützt (persönliche Mitteilung von Dr. Felber an W. R. Dick,
2. 4. 1996).
2 Im Entwurf gestrichen: "Womit ich diese 'Ehrung' verdient habe, weiss ich bis heute noch nicht."
3 Erklärung von Ernst Rosch, Abschrift, "Anlage 2", 9. 6. 1946. - In: Archiv BBAW, Nachlaß P. Guthnick,
Nr. 17
4 Alfred Brill (1885 - 1949) und Margarete Güssow (1896 - ?) waren Astronomen an der Sternwarte
Babelsberg.
5 Richard Prager (1883 - 1945) wurde vor allem durch seine Bearbeitung der "Geschichte und Literatur des
Lichtwechsels der veränderlichen Sterne" bekannt, von der er die ersten beiden Bände 1934 und 1936
veröffentlicht hatte. Mitten in der Arbeit am dritten Band wurde er entlassen, konnte aber in die USA
emigrieren, wo er am Harvard Observatory in Cambridge, Mass., 1941 einen Ergänzungsband publizierte (F.
Schmeidler: Die Geschichte der astronomischen Gesellschaft. - Hamburg, 1988. - S. 56). Die Entlassung
Pragers führte zu Konflikten mit Astronomen im Ausland (D. B. Herrmann: Ejnar Hertzsprung. - Berlin, 1994.
- S. 165-168).
fertiggebracht, Prager bis zum Jahre 1937 auf der Sternwarte zu halten, da er dessen
Verbleiben im Interesse der Wissenschaft für absolut notwendig hielt. Dass dieses
Verhalten ihn selbst auf das äusserste gefährdete, ist klar. Ich habe von diesen sich
hauptsächlich nach meinem im Oktober 1934 erfolgten Fortzuge von der Sternwarte
dadurch Kenntnis erhalten, weil ich in der Universität die Angelegenheiten der Angestellten
und Lohnempfänger bearbeitete und daher des öfteren mit Prof. G. dienstliche und nach
alter Gewohnheit auch private Gespräche führte. Sein Eintritt in die Partei mutet mich heute
besonders tragisch an. Er und die anderen nicht naziverseuchten Wissenschaftler traten aus
Opposition dem Stahlhelm bei, wobei sie allerdings nicht ahnten, wie bald sie auf dem
Umwege der automatischen Uebernahme in die SA bei der Partei landen würden."
Der Astronom Fritz Hinderer (1912 - 1991) erklärte1:
"In einem engeren Kreise der Mitarbeiter der Sternwarte und besonders im engeren
Kreise der von Herrn Guthnick selbst angenommenen Doktoranden herrschte in diesen
Fragen völlige Uebereinstimmung in dem Sinne der restlosen Ablehnung des
Nationalsozialismus. Hierüber wurde in diesem Kreise sehr häufig und offen gesprochen,
was zum Teil zu offenen Feindseligkeiten mit den übrigen Institutsmitgliedern führte. Mit
Herrn Professor Guthnick wussten wir uns im stillen oder auch geäusserten Einverständnis.
Ich selbst, der ich weder der Partei noch irgendeiner ihrer Gliederungen oder
angeschlossenen Verbände, nicht einmal der NS-Studentenschaft, angehört habe, hatte nie
die geringsten Schwierigkeiten an der Sternwarte wegen dieser offen zur Schau getragenen
ablehnenden Haltung. Ich bin mir bewusst, wieviel ich Herrn Professor Guthnick verdanke,
wenn ich deshalb heute völlig unbelastet bin. Ueber die starken Differenzen, die offenbar
zwischen Herrn Professor Guthnick und den nationalsozialistisch eingestellten Mitgliedern
seines Instituts bestanden, dürften Berichte von berufener Seite vorliegen, da ich als junger
Student und später nichtbeamteter freiwilliger Mitarbeiter, der erst jetzt zum Assistenten
ernannt wurde, naturgemäss nur sehr unvollständig orientiert wurde. Sehr eindrucksvoll war
dagegen die herzlich enge Freundschaft, die Herrn Professor Guthnick mit seinem
jüdischen Mitarbeiter Professor Prager verband, dessen von der vorgesetzten Behörde
geforderte Entlassung durch besondere Fürsprache und Bemühungen Prof. Guthnicks
immer wieder verhindert wurde, und der so noch mehrere Jahre dem Institut erhalten
werden konnte bis zu einer Zeit, in der jüdische Wissenschaftler aus anderen
Universitätsinstituten längst entfernt waren. Noch in den Kriegsjahren erreichte Herr
Professor Guthnick unter den grössten Schwierigkeiten die Ernennung eines halbjüdischen
Doktoranden zum Assistenten der Sternwarte (Dr. Wellmann2, jetzt in Bergedorf).3
Bei aller durch die exponierte Stellung als Institutsleiter und Ordinarius für Astronomie
an der Universität geforderten und ratsamen Zurückhaltung in öffentlichen Diskussionen
und Massnahmen konnte für die Mitglieder der Sternwarte und selbst den weiteren Kreis
seiner älteren Studenten wohl kaum ein Zweifel daran bestehen, dass Herr Professor
Guthnick Ansichten, Tendenzen und Methoden des National-sozialismus zu innerst
ablehnte und aktiv bekämpfte."
1 "Eidesstattliche Erklärung" von Fritz Hinderer, "Anlage 3", 19. 6. 1946. - In: Archiv BBAW, Nachlaß P.
Guthnick, Nr. 17
2 Prof. Dr. Peter Wellmann (geb. 1913) war zuletzt Direktor der Universitätssternwarte München.
3 Paul Guthnick war eigentlich antisemitisch eingestellt (persönliche Mitteilung von Ernst Guthnick
gegenüber W. R. Dick, 6. 4. 1996). Offensichtlich fragte er aber bei seinen Mitarbeitern nicht nach "Rasse",
Religion oder politischer Überzeugung.
Ernst Wellmann schrieb in einem Brief an Guthnick1:
"Ich erkläre hiermit, dass mein Sohn Dr. Peter Wellmann seine seinerzeitige Anstellung
als wissenschaftlicher Assistent an der Universitäts-Sternwarte nur Ihrem rücksichtslosen
Einsatz zu verdanken hat. Die Stellung wäre meinem Sohn infolge des Umstandes, dass ein
Grosselternteil nicht arisch war, normalerweise verschlossen gewesen. Durch Ihr Eintreten
konnte jedoch die Anstellung gegen den stärksten Widerstand des Unterrichtsministeriums
und der Dozentenschaft durchgesetzt werden."
Margarete Frosch, die mehrere Jahrzehnte als wissenschaftliche Rechnerin an der
Sternwarte tätig war, versicherte eidesstattlich2:
"Ich bestätige dem Leiter des Instituts Herrn Direktor Prof. Dr. Paul Guthnick, dass er
niemals auf mich einen Druck ausgeübt hat, in die Partei oder eine angegliederte Formation
einzutreten. Ich bin Herrn Prof. Guthnick heute noch dankbar dafür, dass er nie versucht
hat, trotzdem ihm meine Einstellung gegen das nationalsozialistische System bekannt sein
musste, mich eines andern zu belehren. Auch sind mir durch Herrn Prof. Guthnick niemals
Vorhaltungen gemacht worden, wenn ich den gemeinsamen von der Universität bzw. der
damaligen Regierung angeordneten nationalsozialistischen Rundfunkübertragungen
fernblieb. Ebenso ist mir nicht bekannt, dass Herr Prof. Guthnick irgend ein anderes
Mitglied des Instituts gezwungen hat, in die Partei einzutreten.
Bemerken möchte ich noch, dass Herr Prof. Guthnick nach meiner Kenntnis nie politisch
hervorgetreten ist."
Ohne direkten Bezug auf den politischen Passus schreibt Guthnick in dem kurzen
Lebenslauf von 1946 auch3: "Der Aufbau des Instituts war infolge des Krieges 1914-18 und
des vorzeitigen Todes von Hermann Struve noch unvollendet. Es gelang mir in der Folge,
die Universitätssternwarte - ich darf dies wohl ohne Ueberhebung sagen - zu der vielleicht
modernsten und bestausgerüsteten Sternwarte Deutschlands zu machen. Ich erwähne dies,
um begreiflich zu machen, dass mir das Institut ganz besonders ans Herz gewachsen war."
Man könnte dies als Ringen um Verständnis für seinen politischen Opportunismus
interpretieren - durch seinen Beitritt zum Stahlhelm und die daraus folgende Mitgliedschaft
in SA und NSDAP sicherte sich Guthnick, ob nun bewußt oder unbewußt, seine Stellung.
Als Gegenbeispiel sei Alexander Wilkens angeführt, der 1933 denunziert und im folgenden
Jahr als Direktor der Sternwarte München entlassen wurde4. Über Guthnicks tatsächliche
Motive - Opposition, wie Ernst Rosch meinte, oder eher Schadensverhütung, oder beides -
läßt sich im Nachhinein nur spekulieren. Auf jeden Fall hätte ein späterer Austritt aus der
NSDAP mehr gekostet als nur den Direktorenposten. Um Paul Guthnicks Haltung zum
Nationalsozialismus besser einschätzen zu können, ist ein weiteres Quellenstudium
notwendig. Drei Dokumente von 1938, die sich auf eine Stellungnahme Guthnicks zur
Welteislehre beziehen, wurden vor einigen Jahren veröffentlicht5. Die Welteislehre war eine
1 Brief von Ernst Wellmann an P. Guthnick, Abschrift, "Anlage 12", 4. 7. 1946. - In: Archiv BBAW, Nachlaß
P. Guthnick, Nr. 17. - Prof. Peter Wellmann bestätigt diese Darstellung und bekräftigt, daß sich Paul Guthnick
ihm gegenüber sehr anständig verhielt und ihm freie Arbeitsmöglichkeiten eingeräumte (persönliche
Mitteilung gegenüber W. R. Dick, 18. 4. 1996).
2 "Eidesstattliche Versicherung" von Margarete Frosch, "Anlage 4", 4. 6. 1946. - In: Ebenda
3 Wie Anm. 7
4 F. Litten: Astronomie in Bayern 1914-1945. - München, 1992. - S. 60-72
5 B. Nagel: Die Welteislehre. Ihre Geschichte und ihre Rolle im "Dritten Reich". - Stuttgart, 1991. - S. 84-87,
156-157, 159-167
abstruse Theorie, deren Vertreter sich erfolgreich um Unterstützung durch den nazistischen
Machtapparat bemühten. Himmler bezeichnete Guthnicks Stellungnahme als "ungezogenes
Schreiben". Widersprüchlich ist dabei, daß Guthnick bei seinem Angriff auf die
Welteislehre nazistische Terminologie verwendet, indem er diese Art von
Pseudowissenschaft "bolschewistisch oder Produkt eines wissenschaftlichen
Untermenschentums" nennt und empfiehlt, "einmal die treibenden finanziellen
Hintermänner der Welteislehre genauer aufs Korn zu nehmen".
Paul Guthnick starb am 6. September 1947 und wurde auf dem Friedhof in der
Goethestraße in Potsdam-Babelsberg unter großer Anteilnahme beigesetzt. Sicherlich
geleitete ihn auch Bruno H. Bürgel zum Grab1, der wohl nicht ahnte, daß er schon zehn
Monate später auf eben diesem Friedhof ruhen würde. Bürgels Ruhestätte ist als Ehrengrab
erhalten, während Guthnicks Grabstelle in den siebziger Jahren neu vergeben wurde.
Wir danken dem Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, dem
Astronomischen Zentrum "Bruno H. Bürgel" und Herrn Ernst Guthnick für die
Genehmigung zum Abdruck der Dokumente. Für Auskünfte gehört unser Dank Frau
Charlotte Rüfer, Herrn Walter Bürgel, Herrn Dr. Hans-Joachim Felber, Herrn Prof. Dr.
Peter Wellmann sowie ganz besonders Herrn Ernst Guthnick und seiner Frau Annemarie.
Ernst Guthnick gab freundlicherweise seine Zustimmung zur Publikation von persönlichen
Daten über seinen Vater.
Anhang: Briefwechsel von Bruno H. Bürgel und Paul Guthnick2

 

 

1.
B. H. Bürgel an P. Guthnick, ,ovember (?) 1919
Offenbar nicht überliefert, Erwähnung in Brief 2

 

 

2.
Neubabelsberg, den 13. November 1919
Sehr geehrter Herr Bürgel!
Mit der freundlichen Zusendung Ihrer Lebenserinnerungen haben Sie mir eine
Aufmerksamkeit erwiesen, für die ich Ihnen ganz besonders danke. Ich habe Ihr Buch in
einem Zuge mit bis zum Schluss wachsendem Interesse gelesen und werde ganz gewiss
noch öfters darin lesen, da es eine Menge Fragen berührt und von Ihrem Standpunkte aus
1 Ernst Guthnick kann dies allerdings weder bestätigen noch dementieren (persönliche Mitteilung gegenüber
W. R. Dick, 6. 4. 1996).
2 Briefe 2, 4, 5 und 7 handschriftlich; Schreiben 6 handschriftlich auf einer Postkarte (Foto:
"Universitätssternwarte Berlin-Babelsberg. Das grosse Spiegelteleskop von Zeiss"); Briefe 8 und 9
maschinenschriftlich; Briefe 4 und 8 auf Kopfbögen der Sternwarte, Brief 7 auf einem Kopfbogen Bürgels.
beleuchtet, die auch mich aufs tiefste bewegen. Da wir, wie ich hoffe, uns wohl persönlich
kennen lernen werden, so wird es gut sein, wenn Sie vorher auch über meinen Standpunkt
zu dem Hauptproblem unserer Zeit unterrichtet sind. Das beugt Enttäuschungen vor. Ihre
Anschauungen decken sich vielfach mit den meinigen, wie Sie nachher sehen werden,
auseinander gehen hauptsächlich unsere Ansichten über die praktische Durchführbarkeit der
sozialdemokratischen Ideen.
Genau wie Sie betrachte auch ich alles, was um mich herum vorgeht, von einem
naturwissenschaftlichen Standpunkt aus. Auch sonst sind Parallelen zwischen Ihrem und
meinem Werdegang vorhanden, die ich kurz berühren muss. Obwohl "bürgerlichen"
Kreisen entstammend, brachte es allmähliche Verarmung und früher Tod meines Vaters mit
sich, dass auch ich unter recht schwierigen Verhältnissen, ohne "Kommissionen" und
"Protektionen", die mir stets verhasst waren, mir meinen Weg bahnen musste. Freilich
können die mir entgegengetreteten Hindernisse den Vergleich nicht aushalten mit dem, was
Sie zu überwinden hatten. Aber meine Erfahrungen reichen hin, um mich für Ihre
Ausführungen empfänglicher zu machen, als wenn ich auf der vollen "Sonnenseite des
Lebens" aufgewachsen wäre. Nun zur Sache.
Ihre idealistische Weltauffassung ist auch die meine, und ich glaube, dass heutzutage die
meisten Menschen (in Deutschland) so denken. Aber zwischen diesen idealen Forderungen
und ihrer praktischen Erfüllung hat meiner Meinung nach die Natur selbst eine
unübersteigliche Mauer gezogen. Ich ziehe, ebenfalls aus naturwissenschaftlicher
Erkenntnis heraus, wesentlich andere Folgerungen aus den gegebenen Tatsachen wie Sie.
Meines Erachtens sollte man nicht die kosmischen Verhältnisse zum Vergleich
heranziehen, sondern die Verhältnisse des gesamten organischen Lebens auf der Erde, von
dem wir doch auch einen Teil bilden. Da sehen wir aber alles, Tier gegen Tier, Pflanze
gegen Pflanze, in einem immerwährenden, entsetzlich grausamen Kampf um die besten
Lebensbedingungen begriffen, einen Kampf, in dem der Schwächere rücksichtslos
niedergetrampelt wird. Dieser Zustand ist offenbar der natürliche. Auch der Mensch scheint
ihm aus denselben natürlichen Gründen unterworfen. Der Grund dieser Erscheinung liegt
meines Erachtens darin, dass die Individuen jeder Art im allgemeinen das Bestreben haben,
sich hemmungslos zu vermehren, bis für jedes einzelne das Existenzminimum erreicht ist,
das weit unter dem Niveau des Befriedigenden liegt. Was insbesondere den Menschen
betrifft, so stehen wir m. E. vor der furchtbaren Tatsache, dass die Bevölkerung der Erde
um das Mehrfache grösser ist, als sich mit befriedigenden Existenzbedingungen für jedes
einzelne Individuum, wenigstens innerhalb der Kulturvölker mit ihren hochgespannten
Anforderungen, vereinigen lässt. Es nützt auch nichts, etwa durch die Weiterentwicklung
der Landwirtschaft, der Technik, durch gerechtere Verteilung der zum Leben notwendigen
Güter, durch Heranziehung der kosmischen Kräfte usw., die Existenzbedingungen zu
vermehren und zu verbessern; die automatische Folge wird eine entsprechende Vermehrung
der Individuen bis abermals an die Grenze des physisch möglichen sein, und damit wird
auch wieder der Drang einzelner, besonders begabter Individuen einsetzen, seine
Existenzbedingungen auf Kosten der anderen zu verbessern. Dieses Bestreben wird selbst
unter den denkbar günstigsten Bedingungen nie ganz unterdrückt werden können.
Ich bin nun weit davon entfernt, daraus die Folgerung zu ziehen, dass die verflossenen
Zustände gut und nicht verbesserungswürdig waren, und dass wir alles hätten laufen lassen
sollen, wie es wollte. Da wir mit höherer Einsicht begabte Wesen sind, so haben wir das
Recht - und machen ja auch reichlich Gebrauch davon - die Natur bis zu einem gewissen
Grade zu korrigieren. Nur dürfen wir darin nicht so weit gehen, dass wir die natürlichen
Verhältnisse geradezu auf den Kopf stellen wollen. Das würde sich an irgend einer Ecke
schwer rächen, sei es durch die Degeneration des Menschengeschlechtes oder auf irgend
eine andere Weise. Ich bin nun der Meinung, dass wir mit unserem gegenwärtigen
sozialpolitischen Experiment in der Tat auf dem Wege sind, die Natur zu vergewaltigen.
Trotz dieser Überzeugung würde ich der letzte sein, der das Experiment verhindert wissen
wollte. Es wird nötig sein, denn der Mensch wird immer nur durch Schaden, durch die
Erfahrung, klug, d.h. belehrt. Meiner Meinung nach ist die sozialdemokratische
Weltanschauung zwar in der Theorie eine erhabene und edle Sache, in der Praxis aber
undurchführbar, weil widernatürlich. Ich würde mich aber freuen, wenn meine Meinung
durch den praktischen Erfolg des Versuchs widerlegt werden sollte.
Aus dem vorstehenden ergibt sich von selbst meine Stellungnahme zu den Ereignissen,
die mit dem November vorigen Jahres äusserlich sichtbar in die Erscheinung getreten sind.
Sie haben unser Volk in einer Zeit, in der entschieden wird, welche Völker und Rassen in
Zukunft auf Erden ihre Existenz behaupten werden, für diesen Entscheidungskampf, der -
glücklicherweise für uns - noch lange fortdauern wird, vorderhand wehrlos gemacht. Man
mag sonst über die gegenwärtige innere Entwicklung bei uns denken, wie man will,
jedenfalls war der Zeitpunkt ihres Einsetzens m. E. der denkbar ungünstigste. Dass unsere
Hauptgegner, England, Amerika und Frankreich den tiefsten, wahren Sinn des
gegenwärtigen Antagonismus klar erkennen, geht deutlich aus gelegentlichen Äusserungen
ihrer Staatsmänner hervor. Ich füge meinerseits den privaten Ausspruch eines englischen
Generals hinzu, der bei einem meiner Kölner Freunde im Quartier liegt; ein Ausspruch, der
wohlgemerkt nicht in der Erregung, sondern kalten Blutes getan worden ist: Wir Engländer
hassen im Gegensatz zu den Franzosen das deutsche Volk keineswegs, aber wir sind
gewillt, es zu vernichten (Nb.: weil es uns im Wege steht und wir jetzt die Gelegenheit dazu
zu haben glauben - dies ging aus dem Zusammenhang des Gespräches hervor).
Diese primitive, eines Australnegers würdige Denkweise ist teils bewusst, teils instinktiv
richtunggebend für die angelsächsische und romanische Rasse - von tieferstehenden Rassen
ganz zu schweigen. Mir scheinen demgegenüber die schönen Weltverbrüderungsideen
reichlich deplaziert. Auf die Arbeiter Englands, Frankreichs und Amerikas ist meiner
Ansicht nach gar nicht zu rechnen, denn sie wissen ja ganz genau, dass die Senkung des
Niveaus der anderen Hebung des eigenen bedeutet. Ethische Momente darf man bei ihnen
nicht voraussetzen, so wenig wie bei den unsrigen.
Was Sie über die Notwendigkeit der Hebung des geistigen und insbesondere des
ethischen Niveaus des Arbeiters schreiben, möchte ich voll und ganz unterschreiben. Hier
liegt zweifellos ein Weg vor, das Glück des Einzelnen zu vermehren. Was dagegen die
Verallgemeinerung der wissenschaftlichen Bildung anbetrifft, so scheint mir da grosse
Vorsicht am Platz zu sein. Manches kann zur Vermehrung der Unzufriedenheit und zum
Unglück gereichen.
Mein Brief ist bereits so lang geworden, dass ich hiermit abbrechen muss. Es gibt noch
sehr vieles in ihrem Buch, worüber ich mich mit Ihnen verständigen möchte. Aber noch
lieber würde ich in Ihnen den Astronomen kennen lernen. Hoffentlich geben Sie mir die
Gelegenheit dazu, die Sternwarte Babelsberg ist ja nicht weit von Ihnen, und wenn Sie sie
noch nicht kennen, so wird Sie auch manches hier interessieren. Ich bin Nachmittags fast
immer Herr meiner Zeit, und wenn der Himmel nicht klar ist, auch Abends. Am besten
verständigen wir uns vielleicht telephonisch vorher (Nowawes 18, Nebenanschluss).
Nochmals besten Dank für den Genuss, den Ihr Buch mir bereitet hat!
Ihr
ergebenster
P. Guthnick

 

 

3.
B. H. Bürgel an P. Guthnick, 17. April 1920
Offenbar nicht überliefert, Erwähnung in Brief 4

 

 

4.
Sternwarte Berlin-Babelsberg, den 21. April 1920
Sehr geehrter Herr Bürgel!
Ihren Brief vom 17. April habe ich erhalten. Ich danke Ihnen für die Einlage, die ich mit
Interesse gelesen und einigen meiner Kollegen zur Diskussion weitergegeben habe.
Spenglers Werk1 werde ich mir beschaffen, um es zu lesen. Vorher möchte ich mir kein
Urteil erlauben. Auf Ihr neuestes Buch, das Sie mir so freundlich in Aussicht stellen, freue
ich mich. Es wird gewiss wieder manches Anregende für mich enthalten2.
Über Ihren Wunsch, spektralanalytische Einrichtungen und Beobachtungen kennen zu
lernen, können wir uns vielleicht einmal mündlich unterhalten. Ich werde ihn gern erfüllen,
sobald unsere Einrichtung fertig ist, womit es unendlich langsam geht.
Was die beabsichtigte Besichtigung der Sternwarte betrifft, so habe ich heute morgen
mit dem infolge eines Unfalles schwer erkrankten Direktor3 Rücksprache genommen und
seine Einwilligung erhalten. Nur die Beobachtungen am grossen Refraktor möchte
Geheimrat Struve nicht behindert sehen, da infolge der ungünstigen Witterung der letzten
Wochen die seit Jahren laufenden Beobachtungen der Saturnmonde in Rückstand geraten
sind und deshalb jeder klare Abend kostbar ist. Ich denke, es wird sich aber trotzdem etwas
in der frühen Dämmerung machen lassen, nur versprechen kann ich es nicht. Auf jeden Fall
stehen aber ein 30 cm-Refraktor und kleinere Instrumente zur Verfügung. Eins bitte ich zu
1 Oswald Spengler (1880-1936) entwickelte als Geschichts- und Kulturphilosoph eine allgemeine
"Morphologie der Weltgeschichte", die an biologistische Strömungen anknüpfte und in der der Kampf ums
Dasein eine zentrale Rolle spielte. 1918 erschien der erste Band seines Hauptwerkes "Der Untergang des
Abendlandes", 1920 das Werk "Preußentum und Sozialismus".
2 Welches Buch gemeint war, bleibt ungewiß. 1920 und 1921 erschienen von Bürgel nur belletristische
Werke, die sich allerdings auf Naturwissenschaft bezogen ("Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle",
"Der Stern von Afrika - Ein Roman aus dem Jahre 3000", "Gespenster - ein spiritistischer Roman"). 1922 bis
1925 folgten dann mehrere ethische und weltanschauliche Bücher.
3 Hermann Struve (1854-1920) war im Frühjahr 1920 in Berlin zwischen zwei Straßenbahnwagen geraten und
hatte sich beim Sturz einen Schenkelhalsbruch zugezogen. Er starb am 12. August desselben Jahres an einem
Herzschlag.
bedenken. Unser Institut ist nicht auf Massenbesuch eingerichtet. Bereits 100 Personen sind
erfahrungsgemäss kaum unterzubringen. Bei grösserer Zahl wäre es ratsam, auf
verschiedene Tage zu verteilen. Vielleicht sehen Sie sich vorher einmal unser Institut
daraufhin an.
Die kleine Ermahnung, die Sie den Besuchern vorher erteilen wollen, wohl mehr zu
unserer Beruhigung, als weil sie wirklich nötig sein sollte, kann wohl unterbleiben. Ich
traue unserem deutschen Arbeiter soviel Einsicht zu, und Sie sicherlich erst recht.
Wenn es möglich ist, bitte ich, nicht den Sonntag Abend als Besichtigungszeit zu
wählen, da dann die jüngeren, unverheirateten Kollegen, deren Beistand wir nötig haben
werden, nur bei klarem Wetter sicher anwesend sind. Bei unserer unbeständigen Witterung
muss aber damit gerechnet werden, dass Sie es unglücklich mit dem Wetter treffen. Am
sichersten ist wohl telephonische oder persönliche Verständigung am Morgen oder Mittag
des Besuchstages selbst. (Nowawes 18 oder 698).
Mit bestem Gruss
Ihr ergebenster
P. Guthnick

 

 

5.
Neubabelsberg, den 20. 1. 35.
Herrn
Bruno H. Bürgel
Neubabelsberg.
Sehr geehrter Herr Bürgel!
Mit Ihren "Kleinen Freuden"1 haben Sie mir eine grosse Freude bereitet. Ich habe Ihr
besinnliches, sympathisches Buch schon fast ganz durchgelesen, möge es noch recht vielen
Menschen ebenso beschauliche Stunden nach der Unruhe und Hast des Tages bereiten wie
mir. Den Wert Ihrer Tätigkeit schätzen Sie zu bescheiden ein2; was bedeutet die ganze
Wissenschaft, wenn keine Mittler da sind, die ihre Ergebnisse möglichst weiten Kreisen
nahe bringen? Ich für meine Person habe immer die Tätigkeit des Mittlers für beinahe
ebenso wichtig gehalten wie die des Forschers.
Mit besonderem Interesse habe ich mir Ihr imponierendes Instrument3 betrachtet. Sie und
Ihre Freunde haben ihm zweifellos manchen erhebenden Genuss zu verdanken gehabt.
1 B. H. Bürgel: Die kleinen Freuden. Ein besinnliches Buch vom Glück im Alltag. - Berlin, 1934
2 In dem Buch erwähnt Bürgel die "Lesewut meines Vaters, die mich in Beziehung zur Literatur brachte, in
der ich mich später selber derart unnütz machen sollte, wie ich es in meiner Jugend als unbescholtener Mensch
nie für möglich gehalten hätte" (B. H. Bürgel: Die kleinen Freuden. - S. 141). Die Bemerkung Guthnicks
könnte sich aber auch auf eine Stelle in einem nicht erhaltenen Begleitschreiben Bürgels bezogen haben, die
vielleicht ähnlich wie eine Passage in seinen Lebenserinnerungen formuliert war: "Dem
populärwissenschaftlichen Schriftsteller ziemt dem wirklichen Forscher gegenüber Bescheidenheit, denn er ist
nur sein Interpret [...]". (B. H. Bürgel: Vom Arbeiter zum Astronomen. - Berlin, 1927. - S. 99)
3 Bürgels Refraktor 175/2610.
Auch ich versage es mir nicht, mir von Zeit zu Zeit einfach, ohne jede wissenschaftliche
Absicht, einige besonders schöne Himmelsobjekte mit einem unserer grossen Instrumente
anzusehen. Wir machen das fast alle so und wir schmähen darum nicht auf Sie, sondern
beneiden Sie höchstens.
Mit herzlichen Grüssen
Ihr ergebener
P. Guthnick

 

 

6.
Potsdam-Babelsberg 2, den 28. 12. 40.
Lieber Herr Bürgel!
Empfangen Sie und Ihre Familie die herzlichsten Wünsche zum Neuen Jahr, das uns das
Friedensjahr und der Anfang einer neuen glücklichen Zeit werden möge,
von P. Guthnick u. Frau

 

 

7.
Bruno H. Bürgel Babelsberg 2
b. Potsdam 30. III. 41
Lieber und verehrter Herr Professor Guthnick!
Soeben höre ich ganz zufällig, daß Sie ernstlich erkrankt sind und sich einer Operation
unterziehen mußten!1 Erlauben Sie mir, Ihnen meine Anteilnahme auszusprechen und alle
guten Wünsche zu Ihrer völligen Gesundung!
Seien Sie versichert, daß das keine äußerliche Höflichkeitsformel ist, sondern mir aus
dem Herzen kommt.
Alles Gute für Sie! Möge Ihnen der Frühling neue Kraft und Heilung bringen!
Ihr sehr ergebener
Bruno H. Bürgel
1 Paul Guthnick wurde 1941 wegen Darmkrebs von Ferdinand Sauerbruch operiert (persönliche Mitteilung
von Ernst Guthnick gegenüber W. R. Dick, 6. 4. 1996).

 

 

8.
Universitäts-Sternwarte
Berlin-Babelsberg Babelsberg, den 13. November 1945.
Potsdam-Babelsberg 2
Herrn
Bruno H. Bürgel
Babelsberg, Merkurstrasse
Lieber Herr Bürgel!
Zu Ihrem 70. Geburtstag sende ich Ihnen, den ich wohl einen alten Freund nennen darf,
meine allerherzlichsten Glückwünsche. Sie können an diesem Tage, wie wenige, auf eine
lange segensreiche Tätigkeit im Dienst unseres jetzt so schwer geprüften Volkes mit
Genugtuung zurückblicken. Wie vielen von uns haben Sie mit den ernsten oder auch
heiteren Kindern Ihres Geistes erhebende und genussreiche Stunden bereitet! Sie alle
werden es Ihnen an Ihrem Ehrentage danken. Meine persönlichen Wünsche gehen dahin,
dass es Ihnen noch recht lange vergönnt sein möge, in alter Frische des Geistes und Leibes
Ihre Kräfte dem deutschen Volk zu widmen und dereinst den Tag zu erleben, der uns den
Ausblick in eine bessere Zukunft eröffnet.
Von ganzem Herzen
Ihr aufrichtig ergebener
P.Guthnick

 

 

9.
Babelsberg, den 23. Juni 1946
Lieber und verehrter Herr Bürgel!
Ich habe die Absicht, einen Nullifizierungsantrag (Denazifizierungsantrag) für mich zu
stellen, was mir vom Rektor der Universität nahegelegt worden ist. Würden Sie die
Freundlichkeit haben, mir dazu ein kurzes "Leumundszeugnis" in politischer Hinsicht
auszustellen? Selbstverständlich gilt meine Bitte nur dann, wenn Sie sie erfüllen können,
ohne davon selbst Ungelegenheiten befürchten zu müssen, und wenn Sie überhaupt in
politischer Beziehung etwas über mich aussagen können. Ich würde Ihnen jedenfalls sehr
dankbar sein, da Ihre Aussage besonderes Gewicht haben würde.
Mit freundlichen Grüssen
Ihr sehr ergebener
P. Guthnick

Für eine richtige Darstellung unserer Aufnahmen sollte der Monitor so kalibriert  sein das die Farbstufen schön getrennt angezeigt werden.
Für eine richtige Darstellung unserer Aufnahmen sollte der Monitor so kalibriert sein das die Farbstufen schön getrennt angezeigt werden.

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